Dienstag, 8. Juli 2014

Gemüse zum Rico-Film

Befragt man Leser, welche Kriterien eine Literaturverfilmung erfüllen sollte, dürfte der kleinste gemeinsame Nenner wohl der sein, ein Film müsse den Geist seiner Vorlage atmen, irgendwie. Mit Neele Vollmars Verfilmung der Tieferschatten habe ich noch mehr Glück gehabt als dieses: Alles ist drin, drum und ran, und dazu kommt noch das gewisse eigene Etwas – die spürbare Handschrift der Drehbuchautoren, der Regisseurin und von noch wem – siehe unten. Hätte ja schließlich ein Actionspektakel für Kinder werden könne, gelle? Noch dazu eines mit der Oma mit dem bunten Hütchen auf dem Kopp, die unten rechts im Bildrand steht und ein Fähnchen schwingt, wenn es lustig wird. Nur für den Fall, dass ein geistig minderbemitteltes Gör im Kino seinen Lacheinsatz verpasst. Denn Kinderkino soll ja in erster Linie lustig sein. Außerdem spannend. Und etwas lernen soll das guckende Kind auch noch. Überhaupt gleicht Kino für Kinder gern manchen Büchern für Kinder: Es ist nicht mehr als eine sich hinterrücks anschleichende Pädagogikmaschine.



Die Tieferschatten sind besser als das. Sie nehmen sich lange, lange Zeit zur Einführung aller Figuren. Das ist eine heute kaum noch übliche Exposition, die Platz zum Luftholen und zum Einfühlen lässt … wofür Expositionen auch gedacht sind, bloß dass drei Viertel aller Regisseure und Produzenten darauf inzwischen einen nassen Pups geben, und ein guter Teil eines vom TV intellektuell längst runtergewirtschafteten Publikums offenbar auch. Allesamt beschweren sie sich gern drüber, dass es so viele miese Filme gibt.

Die Tieferschatten sind bunt. Ich hab den Film fünf mal im Rohschnitt und seitdem in diversen Kinofassungen gesehen, neun mal insgesamt, und bei jeder Sichtung entdecke ich mehr Farben. Eingeschmuggelt vom grandiosen Ausstatter Matthias Müsse. Überall. Im Vordergrund, im Hintergrund, an jeder Wand, und wenn man glaubt, das Bild sei voll, bammelt von links oder rechts oder von oben runter noch ein farbenfrohes Mobile rein. Diese Farben sind das emotionale Polster, von dem man Rico aufgefangen weiß, wenn es ihm schlecht geht oder an den Kragen. Die Farben sind das, was in Ricos Kopf explodiert, wenn seine Mama ihn knutscht oder wenn er sich sonstwie über das Leben freut. Die Farben sind außerdem das Innere der Bingotrommel, in die Ricos Kopf sich verwandelt. Und wenn eine Farbe äußerlich nichts her gibt, lässt der Kameramann Torsten Breuer sie von innen strahlen.

Unbedingt erwähnt sein muss außerdem Oliver Thiede, der die Filmmusik komponiert hat. Den Mann kenne ich nicht, aber er muss ein guter Mensch sein, denn er hat mir einen der schönsten Momente meiner Laufbahn als Filmliebhaber geschenkt. Achtet mal bei der Szene auf dem Dach - als Rico den höhenkranken Oskar ans Geländer lockt - auf die Musik: Da klingt für wenige Takte (vermutlich die gerade so erlaubte Anzahl) das Hauptthema aus Alfred Hitchcocks Vertigo an, damals komponiert von meinem absoluten Lieblings-Filmkomponisten Bernard Hermann. Und das war und ist und wird für immer bleiben: Ganz, ganz großes Kino.