Samstag, 25. Oktober 2008

Herzbruch

Seit vergangenen Februar haben die Gedanken an Lynn praktisch die gesamte Arbeit am zweiten Band um Rico und Oskar begleitet. Oder umgekehrt. Das Buch liegt jetzt in den letzten Geburtswehen – morgen dürfte die erste Fassung endgültig fertiggestellt sein; ab kommenden April sind Rico, Oskar und das Herzgebreche im Handel erhältlich.



Lynn war drei Tage schneller. Meine erste Nichte - das schönste Herzgebreche der Welt. Auf ein Exemplar limitierte, genetisch signierte Auflage. Nicht im Handel erhältlich. Copyright bei meinem Bruder Björn und Schwägerin Verena (23.10.2008). Folgeband in Planung. Ich dreh komplett durch …
(Absatz)

Samstag, 22. März 2008

Hoffmanns Erzählungen

Als der Frankfurter Arzt und Psychiater Heinrich Hoffmann zu Weihnachten 1844 nach einem passenden Bilderbuch für seinen dreijährigen Sohn suchte, fand er, wie er selbst später berichtete, im einschlägigen Buchhandel bloß dies: "Lange Erzählungen oder alberne Bildersammlungen, moralische Geschichten, die mit ermahnenden Vorschriften begannen und schlossen, wie: 'Das brave Kind muss wahrhaft sein‘; oder: 'Brave Kinder müssen sich reinlich halten‘ usw.“


Kurz entschlossen schrieb und zeichnete Hoffmann ein eigenes Buch, das nicht nur dem Sohnemann gefiel, sondern auch Freunden und Bekannten. Man drängte Hoffmann zu einer Veröffentlichung, der gab nach, und so erschienen, ein Jahr darauf, unter dem Pseudonym Reimerich Kinderlieb Drollige Geschichten und lustige Bilder für Kinder von 3–6 Jahren. Das Buch wurde ein Welterfolg. Schon bald nach seinem Erscheinen übersetzt in viele SPRACHEN, parodiert, ironisiert, politisiert, geschmäht, gepriesen, erlebte es bis heute 540 Auflagen. Umbenannt wurde es bereits ab der vierten: 1847 (anderen Quellen zufolge 1848) erhielt es, teilweise überarbeitet und komplett neu bebildert, den Titel Struwwelpeter.


In der modernen heutigen Diskussion gilt der Struwwelpeter als Musterbeispiel für schwarze Pädagogik, für eine Kindererziehung also, die unter nicht nur Androhung, sondern tatsächlicher Ausübung von physischer und psychischer Gewalt erfolgt mit dem Ziel, das Kind in ein widerspruchslos funktionierenden Rädchen im Getriebe einer (industrialisierten, ökonomisierten) Gesellschaft zu verwandeln. Schaut man sich den armen, um seine Nuckeldaumen erleichterten Konrad an, ist das ganz sicher eine richtige Einordnung. Es ist aber auch eine typische eingleisig-deutsche, unterschlägt sie doch die den Struwwelpeter zumindest teilweise durchziehende, quasi als Erlösungsmerkmal wirkende Ironie und poetische Gerechtigkeit: Dass Friederich, der dämliche Tierquäler, zuletzt von einem Hund gebissen wird, fand ich als Kind jedenfalls nur fair; dass die den Mohren verspottenden rassistischen Knaben ins rabenschwarze Tintenfass gesteckt werden ebenfalls, und dem Hasen, der seinem Jäger die Wumme klaut und damit auf ihn ballert, einen knappen Meter vorbei, wünschte ich bei jeder Lektüre mehr Treffsicherheit.



Am besten aber erinnere ich mich an jene Geschichten, die mich als Dötzeken deshalb faszinierten, weil ich zu ihnen einen auf eigener Erfahrung beruhenden, direkten Bezug herstellen konnte: Um Messer, Gabel, Schere, Licht machte ich bereits einen weiten Bogen, seit ich als Vierjähriger zwei Mal in eine geöffnete Steckdose gefasst hatte; entsprechend schick fand ich Die gar traurige Geschichte mit dem Feuerzeug, auch wenn mir das ob verbotenen Zündelns mit Streichhölzern abgefackelte Paulinchen viel weniger leid tat als seine um es weinenden Katzen. Ob diverser von mir hinterlassenen Flurschäden als Hanns Guck-in-die-Luft fror ich in stiller Anteilnahme mit dem klatschnassen Jungen der gleichnamigen Erzählung um die Wette, konnte mir dafür aber – ich bin noch heute begeisterter Regengänger – kein großartigeres Schicksal vorstellen als das des Knaben Robert, der, entgegen allen Warnungen und Verboten, bei schlechtem Wetter unbedingt vor die Tür wollte:

Schirm und Robert fliegen dort
Durch die Wolken immerfort.
Und der Hut fliegt weit voran,
Stößt zuletzt am Himmel an.
Wo der Wind sie hingetragen,
Ja! das weiß kein Mensch zu sagen.

Extrem cool. Man konnte nach dem Luftritt tatsächlich sonst wo rauskommen, in Afrika oder Indien oder, Gipfel aller Träume, in Kansas, von wo es via Tornado dann gleich weiterging ins zauberhafte Land Oz.


Folge dem gelben Steinweg: Wer den Struwwelpeter durchwandert, dem bietet das Buch noch heute einen recht unverstellten Blick auf das Erziehungsdrama des gewöhnlichen Kindes, wie es sich bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts abspielte. Dann änderten sich die Zeiten. Struwwelpeter und Konsorten wurden beiseite gefegt, das war zunächst gut so, aber weniger steinig wurde der Weg danach kaum. Er gabelte sich im Schatten der GRÜNEN WOLKE vielfach, wurde hier labyrinthisch und mündete dort in so manche Sackgasse, von denen unser kaputt experimentiertes Bilddungssystem vielleicht nicht die traurigste, aber prominenteste darstellt. Zuletzt schließlich, ins 21. Jahrhundert hinein, wurde der Weg gesäumt von neoliberalen Zielgruppenentdeckern, Hedonismus predigenden Wegelagerern und politisch korrekten Angstschissern, die das gewöhnliche Dötzeken vermeintlich aufwerteten zum kaufkräftigen, spaßverwöhnten, gleichberechtigten und damit – große Überraschung – natürlich hoffnungslos überforderten Partner für seine gleichermaßen überforderten Erziehungsberechtigten: Das Kind 2.0, dessen Status als ERSTBESIEDLER unserer schönen neuen Welt seinen Eltern dermaßen Furcht einflößt, dass sie es, mit dem Köpfchen voran, lieber gleich in einen Sturzhelm gebären.

Wie auch immer: Dem Struwwelpeter ist längst ein eigenes Museum gewidmet, und Heinrich Hoffmann gilt inzwischen als maßgeblicher Begründer der Jugendpsychiatrie. 1851 wurde er als Direktor der städtischen Nervenheilanstalt von Frankfurt am Main eingesetzt, deren Räumlichkeiten er wohl wenig prickelnd fand, denn schon 1864 wurde eine auf sein Betreiben und gegen große Widerstände erbaute, modellhafte psychiatrische Klinik vor den Toren der Stadt eröffnet. Gut möglich, dass Hoffmann auch dort beobachtete, was er literarisch schon viel früher verewigt hatte, seine berühmte Geschichte um den verhungernden Suppen-Kaspar zum Beispiel, die als erste literarische Darstellung einer Anorexia Nervosa überhaupt gilt.


Spannender, weil weniger augenfällig, bleibt jedoch Hoffmanns Beschäftigung mit einem anderen, aktuell immer wieder diskutierten Krankheitsbild: Der schon oben erwähnte Hanns Guck-in-die-Luft mit seinem Hang zum Tagträumen wie auch der hyperaktive Zappel-Phillip stehen mustergültig für das Phänomen der ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung; kurz auch ADS für Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom). Etwa 3 bis 10 Prozent aller Kinder sind von ADHS betroffen. Dass der Prozentsatz derart stark variiert, liegt an der Schwierigkeit der Einordnung. Fast jedes Kind glänzt durch Ablenkbarkeit, Impulsivität und einen gewissen Aktivitätsüberschuss; es ist die Bewertung von Kombination und Summe dieser Merkmale, aus der ein guter Psychologe die tatsächliche Krankheit (die neben erblicher Disposition auch neurobiologische sowie psychosoziale Ursachen hat) ableitet. Das sehr lesbare Werk Zwanghaft zerstreut der beiden selbst von der Krankheit betroffenen Psychologen Hallowell und Ratey gibt einen behutsamen Abriss über das Thema, der vor allem Angehörigen von erwachsenen ADHS-Patienten (zwei Drittel der erkrankten Kinder nehmen, unbehandelt, das Syndrom mit in ihr späteres Leben) Orientierung und Hilfe bietet.


Und warum schreibe ich das alles? Weil die Kölner Autorin (und Journalistin, und Regisseurin, und verdammt gute Köchin) Ute Wegmann es geschafft hat, diesem Thema ein Buch zu widmen, ohne dass darin die Abkürzung ADHS bzw. die Anwendung selbiger Vokabel auf ihre damit geschlagene kindliche Protagonistin auch nur einmal vorkommt. Vielleicht liegt das daran, dass man Weit weg … nach Hause auch als Mobbing-Geschichte lesen kann, doch greift diese verlockend nahe liegende, aber eindimensionale Lesart viel zu kurz: Das Mobbing, dem die Heldin Luisa ausgesetzt ist, ist nur die Konsequenz ihrer Zerstreutheit, einer keineswegs bewusst vorangetriebenen, sondern sich stets assoziativ ergebenden Flucht in immer neue Traumwelten, durch die das Mädchen sich seiner Umwelt entfremdet. Wegmann gelingt es dabei bravourös, uns zusammen mit Luisa in deren verträumte Welt zu versetzen und konsequent die abgelenkten Blickwinkel des Mädchens einnehmen zu lassen – angesichts des facettenreichen Themas ein nicht wenig akrobatisches Kunststück, dass an Eleganz noch dadurch gewinnt, das schon Leser ab 10 Jahren es spielend goutieren können.



Ein hübscher zusätzlicher Salto ist der, dass Luisas zentrale Wut auf ihre Eltern von Wegmann nicht mit schriftstellerischer Selbstgerechtigkeit bewertet wird: Die Mutter ist eine egozentrische Schauspielerin, der Vater das Opfer einer tödlichen Überdosis von zu viel EMMA- und Brigitte-Lektüre, und doch sind beide entschieden sympathisch-menschlich. Das Resultat ist eine Art schleichende Empathie, die den Leser von Weit weg … nach Hause spätestens dann hinterrücks überfällt, als Luisa aus ihren erträumten Fluchten eine wirkliche und gefährliche macht, zuletzt aber doch noch alles gut ausgeht: Gegen Ende der Lektüre brach ich völlig unvermutet in Tränen aus.

(Hinter dem Hintergrund: Neulich, bei der LitCologne, unterhielt ich mich mit Kirsten Boie über ADHS. Von ihr stammt der Lesetipp zu Zwanghaft zerstreut. Im Rahmen der LitCologne INTERVIEWTE mich außerdem Ute Wegmann zu Rico, Oskar und die Tieferschatten. Da auch Rico ein Tagträumer ist, der sich, ähnlich wie Luisa, gern in Abschweifungen verliert, hatten wir schnell ein gemeinsames Thema.)


Absatz

Freitag, 29. Februar 2008

Haltet den Dieb! (2)

Vermutlich kennt fast jeder Schwule, der das Coming Out erfolgreich hinter sich gebracht hat - und hoffentlich jeder, dem es noch bevorsteht - die ganz und gar wunderbare Romanze Beautiful Thing: Zwei working class boys fallen erst zaghaft übereinander her and then in love (soll keiner sagen, ich hätte noch nie ein hybrides sylleptisches Oxymoron gebastelt), der eine erstaunlich zielstrebig, der andere spürbar verhalten, weil zerrissen von den Ängsten vor der Reaktion des sozialen Umfelds. Es gibt, ganz zuletzt, als natürlich und endlich alles gut ist, eine wirklich unvergessliche Tanzszene – mir jedenfalls offenbar so unvergesslich, dass sie einer meiner Romanfiguren aus der Mitte der Welt entwicklungstechnisch auf die Sprünge half. Nur dass ich das bis letzte Woche, als ich den Film zum ersten Mal nach über zehn Jahren wieder sah, nicht wusste.


Man merkt Beautiful Thing seine Theaterherkunft nicht an. Sowohl das Bühnenstück wie das Drehbuch stammen aus der Feder des Briten Jonathan Harvey; bei uns wird die Bühnenfassung momentan (bis Ende Juni) vom Jungen Theater Bonn aufgeführt, allem Anschein nach zu begeisterten Kritiken seiner Zuschauer.

1995, nur zwei Jahre nach der Bühnenpremiere, ließ Channel Four das Erfolgsstück durch Hettie MacDonald verfilmen. Ursprünglich nur fürs Fernsehen gedacht, wurde der Streifen so begeistert aufgenommen, dass man ihn schließlich auch ins Kino hievte. Und da sah ich ihn 1996, ein Jahr später, als Die Mitte der Welt gerade auf Eis lag; die Arbeit daran nahm ich erst im folgenden Jahr wieder auf, 1997 also, nach einem gehörigen Tritt in den Hintern durch meinen damals nagelneuen Verleger.

Zu der Zeit waren die Figuren des Romans – mit Ausnahme des Erzählers, ausgerechnet – bereits relativ fest entworfen und der erste Teil komplett geschrieben (abzüglich aller Einschübe mit dem schwarzen Püppchen Paleiko, die ganz zuletzt entstanden). Und doch muss ich am Eröffnungskapitel nochmals herumgeschraubt haben, denn da findet sich ein so deutliches Zitat aus Beautiful Thing, das es mich vergangene Woche, beim Anschauen des Films mit meinem Schnucki, fast vom Sofa gehauen hat. Anlass dafür war ein längerer Dialog zwischen dem jugendlichen Jamie (das ist der Zielstrebige) und dem Lover seiner Mutter Sandra, einem traumtänzerischen Loser, der so gut wie immer das Falsche sagt und folgerichtig später abserviert wird. Jamie erklärt ihm Folgendes:

"Mum sagt, du bist Maler. Ich weiß, warum sie dich ausgesucht hat. Sie will's Wohnzimmer streichen lassen. Die Farbe gefällt ihr nicht mehr. Hat sie erst letztes Jahr streichen lassen. So ist meine Mum. Hat alles schnell satt. Viel zu schnell."

Glass also, wie sie in der Mitte der Welt leibt und lebt und gleich zu Beginn des ersten Kapitels (nicht des Prologs) eingeführt wird. Einen noch deutlicheren Verweis auf die Vorbildrolle von Jamies Kette rauchender Mum entdeckte ich dann in der oben erwähnten Tanzszene: Jamie und sein geliebter Ste (das ist der Verhaltene) tanzen eng umschlungen am hellichten Tag, unter aller Augen, auf einem Platz inmitten der sie umgebenden Hochhäuser der hässlichen Wohnanlage. Weshalb Jamies Mum erst nach Luft und sich dann eine Partnerin schnappt, um mitzutanzen. Die Blicke, die Sandra dabei auf die umstehende Menschen wirft, sind unvergesslich: Dolche gegen jeden, der es wagt, ihren Sohn auch nur missbilligend aufs Korn zu nehmen; unbedingte Liebe; die archetypische schützende Mutter.

Was kommt als nächstes? In diesem Kommentar zu meinem ersten Beitrag über unbewusstes Zitieren wird André Gide erwähnt. Von dem kenne ich nur die Falschmünzer und seine Reportagen aus dem Schwurgericht. Hoffe ich jedenfalls …

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Donnerstag, 28. Februar 2008

Tauwetter

Mensch, Mensch, Mensch! Hier muss mal ordentlich durchgefegt werden. Während meiner langen Abwesenheiten seit dem vergangenen Spätsommer habe ich keine Links mehr aktualisiert. Kann zwar gut sein, dass es da draußen sowieso niemanden interessiert, was ich mir an Büchern und Filmen reinziehe. Aber persönlich finde ich den Überblick ganz fein; schließlich weiß ich meistens schon beim aktuellen Buch kaum noch, welches ich zuvor ausgelesen habe. Mit den gesichteten Filmen ist es, der flüchtigen Natur des Mediums gezollt, noch viel schlimmer.


Seit ich vergangene Woche endlich alle laufenden Projekte – vor allem die aufwändigen Drehbucharbeiten – abgeschlossen habe, atme ich gerade erstmal etwas tiefer durch. Aber spätestens nach der für dieses Wochenende anstehenden LitCologne sowie der Leipziger Buchmesse werde ich den Link-Laden auf Vordermann bringen …
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Haltet den Dieb! (1)

Zeit seines nicht allzu langen Lebens – er starb im Alter von 55 Jahren an einem Herzinfarkt – hat Robert Leslie Conly nur vier Bücher verfasst, und das eigentlich eher nebenher und nicht mal unter seinem richtigen Namen. Hauptberuflich als Redakteur bei National Geographic angestellt, verpasste er sich das Pseudonym Robert C. O'Brien und veröffentlichte 1971 (nach einem wenig erwähnenswerten Erstling) den amerikanischen Kinderbuchklassiker Mrs Frisby and the Rats of NIMH. Erzählt wird darin die Geschichte einer Feldmaus, die, um ihren Nachwuchs zu retten, sich der Unterstützung einer Gruppe von geheimnisvollen Ratten versichern muss. Diese Ratten mutierten als Opfer einer Reihe von Tierversuchen zu vernunftbegabten, der moralischen Reflektion fähigen Wesen. Leider sind aber auch ein paar ausgemachte Schweinehunde darunter, weshalb Mrs Frisby der kleine Mäusearsch mehrfach auf Grundeis geht und sie, genau wie der kindliche Leser, öfters Gefahr läuft, sich in die Buxen zu machen.


O'Briens Buch bekam die Newbery Medal aufs Cover geklatscht, mithin eine der höchsten Auszeichnungen, derer ein Kinderbuch sich rühmen kann. In unserem Sprachraum hat das dem Titel wenig geholfen: die 1996 im Wiener Jungbrunnen-Verlag erschienene Übersetzung ist nicht mehr lieferbar. Auf der Backlist (von dtv) behaupten kann sich jedoch immer noch Z wie Zacharias, eine 1975 postum veröffentlichte postapokalyptische Story um eine Sechzehnjährige, die sich als letzte Überlebende auf unserem nicht mehr ganz so schönen Planeten wähnt, bis eines Tages irgendeine bundesdeutsche Bildungskommission beschließt, ihre Abenteuer als pädagogisch wertvolle Schullektüre zu empfehlen, weil der Titel sich ganz supertoll zum Diskutieren von Krieg, Tschernobyl, alternativer Lebensführung und dergleichen eignet.


Mrs Frisby blieben derlei hohe Weihen verwehrt. Ihr wurde ein anderes Schicksal zuteil: Sie kam ins Kino. Gleich ihrem Schöpfer trat auch sie unter anderem Namen auf, auch wenn der im Titel des Films nicht mehr erwähnt wurde, ebenso wenig übrigens wie die Ratten. Selbstredend musste die Story für die Leinwand auch noch verkürzt werden, und dennoch gehört The Secret of NIMH seit seiner Erstaufführung 1982 immer noch zu den sehenswertesten Animationsfilmen aus jenen seligen Zeiten, als Zeichentrick noch Zeichentrick war. Im Gegensatz zu den damals gängigen Disney-Schmankerln, die beim Betrachter regelmäßig Netzhaut-Karies auslösten, enthielt dieses Werk entschieden düstere und nicht wenig zimperliche Anteile, was Kritiker genauso befriedigt konzedierten wie das Fehlen der bis dato im amerikanischen Animationsfilm typisch aufwallenden Sangesfreude – bis auf eine (dafür aber auch ganz fürchterliche) Schnulze ist der Film davon erfreulich frei. Zu verdanken ist das seinem Regisseur. Don Bluth hatte noch unter den Mickymausohren das zeichnerische Handwerk gelernt, Disney aber schließlich hinter sich gelassen, weil er mit den dort produzierten süßlichen Geschichten nicht mehr einverstanden war. In der Folge drehte er weitere schöne oder auch einfach nur nette Sachen, Feivel der Mauwanderer zum Beispiel oder das von den Dötzeken heiß geliebte Dino-Epos In einem Land vor unserer Zeit, und zuletzt das sehr unterschätze, hoffnungslos gefloppte und damit für Bluths Karriere sargnagelige SF-Spektakel Titan A.E.

So, und nach dieser langen Vorrede zum eigentlichen Thema: Letztens gucke ich Mrs Brisby und das Geheimnis von NIMH mit meinem Mann, schön kuschelig mit Tee und Keksen, und werde unvermittelt fassungsloser Zeuge eines kurzen Filmdialogs, der zwischen einer Krähe und einer Verwandten von Mrs Brisby stattfindet. Der lief in etwa so ab:

Krähe: Oh, das ist aber ein hübscher Hut, den Sie da tragen!
Maus: Sparen Sie sich ihr Süßholzgeraspel, das zieht bei mir nicht!

Plötzlich waren die Kekse nicht mehr ganz so lecker. Diesen Dialog hätte ich unter hunderten wieder erkannt: Er findet sich, fast im selben Wortlaut, in Es ist ein Elch entsprungen wieder, wo ich ihn Mister Moose und Gerlinde Woltershausen in den Mund legte, nur ging es dort anstelle des Hutes um einen Seidenschal . Wohl gemerkt: Als ich seinerzeit das Buch verfasste, kannte ich Mrs. Brisby natürlich längst.

Es ist ein bisschen gruselig, wie man sich solcher ungewollten Abkupfereien während des Schreibens nicht bewusst ist. Noch schlimmer, wenn einem dann irgendwelche naseweisen Gören, die derlei Zufälle bemerken, aufgebrachte Leserbriefe schicken. Denn Kinder sind ungnädig und unbestechlich. Was unsereiner ihnen bestenfalls als popkulturelles Zitat oder, in aller unverständlichen Ehrlichkeit, als unvermeidbare Fährnis postmodernen Autorentums verkauft, nennen sie schlicht: Geklaut.


So, und das war's? Nein, war es nicht. Vor ein paar Tagen setzte das Schicksal noch einen obendrauf - nachzulesen im nächsten Beitrag, den ich getrennt verfasse, weil er ein anderes meiner Bücher betrifft.
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