Sonntag, 24. Juni 2007

Strandgut

Mit dem Urlaub verhält es sich ein wenig wie mit dem Erklimmen der Tische in Der Club der toten Dichter: Ein Ortswechsel verändert radikal die Perspektive. Am Prerower Ostseestrand auf dem Darß tummelten sich jedenfalls dermaßen viele Familien mit Dötzeken im Vorschulalter, dass man an den demoskopischen Niedergang der BRD gar nicht mehr recht glauben wollte. Und auch nicht daran, dass die Dötzeken allenthalben von ihnen hinter der nächsten Düne auflauernden pädophilen Monstern bedroht sind. Die anwesenden Eltern zumindest nahmen es gelassen und ließen ihre Nachkommen mit nackten, lediglich UV-geschützten Popos über den silbernen Sand flitzen. Hat Spaß gemacht, die bekannten Kinderrituale zu beobachten: Sandburgen bauen, mit Förmchen backen, Quallen durch die Gegend werfen, Muscheln sammeln und zwischendrin ein bisschen verzweifelt gucken, weil man nicht weiß, wohin mit dem Pipi – im Zweifelsfall die speckigen kleinen Beine runter ins ohnehin schon reichlich vorhandene, erstaunlich blaue Wasser.


Schon merkwürdig, was die bewusste Enthaltung von Nachrichtenmagazinen und der Tagesschau, gepaart mit Wellenrauschen und dem Beobachten vom Wind getragener Möwen mit einem anrichtet: Man empfindet das Leben plötzlich als dermaßen normal, dass man sich selber geradezu zwangsläufig unnormal vorkommt - ein winziger Ausschnitt des durchgedrehten Globus verwandelt sich in überschaubare heile Welt und schafft damit eine beunruhigende emotionale Gemengelage. Welcher man am besten durch einsames Wandern im Nationalpark entkommt … oder durch das Sammeln von Steinen am Weststrand der Insel: Kilometerweit den rauschenden Wassersaum ablatschen, den Blick nach unten gerichtet, den Nacken verbrannt, ohne verlaufene Zeit oder zurückgelegte Entfernungen wahrzunehmen. Am ersten Tag: alles einsacken, was einem vor die Flinte kommt. Zweiter Tag: unter Zuhilfenahme von vor Ort erstandener Fachliteratur detailliertere Suchkriterien festlegen. Dritter Tag: alle liegen lassen, was man am ersten Tag noch begeistert eingesackt hat, weil man sich jetzt auf Seltenes kapriziert hat innerhalb des Winzgerölls, das mit der letzten Eiszeit aus Skandinavien bei uns angegletschert wurde. Feldspat, Quarz und Glimmer, die drei vergess ich nimmer – neues Hobby! Brüderchen Dirk spart jetzt auf eine Steintrommel, damit wir unsere schönsten Beutestücke polieren können.


An Arbeit war zwischen Kinderpopos und Växjö-Granit nicht zu denken, sie war ebenso weit weg wie die Dünenmonster, weshalb der mitgeschleppte Laptop lediglich zum Archivieren täglich geballerter Fotos benutzt wurde. Die ich mir jetzt anschaue, wenn mich das Fernweh packt am heimischen Schreibtisch, an welchem meiner harret: Das Verfassen der ersten zwei der insgesamt vier Drehbücher für die WDR-Klassik-Doku (die bisherigen Dreharbeiten haben riesigen Spaß gemacht; ab Mitte August, wenn alles im Kasten ist, an dieser Stelle mehr dazu), das Einschleusen des neuen Kinderbuchs in die – natürlich verspätete – Endrunde, und zwischendurch immer mal wieder Nachdenken über die Einrichtung der Schreibklause auf dem Lande, denn langsam wird's Zeit für die Innenausstattung. Falls jemand eine gute Adresse für alte Möbel, speziell schlichte Esstische aus Massivholz weiß: Bitte an mich durchgeben!
(Absatz)