Freitag, 30. März 2007

Mal wieder Steinchen ...

Bevor ich mich den zweifelhaften Freuden der Umsatzsteuer-Voranmeldung hingebe, muss ich noch ein ästhetisches Steinchen-Problem lösen. Es geht um die Umrahmung der Fotos. Im Template voreingestellt ist ein Rand mit (variablem) Abstand; dessen Farbe kann ebenfalls geändert werden. Das macht die Darstellung schön luftig – passt also zum derzeit guten Wetter.


Man kann den Rand aber auch nach innen verlegen und gleichzeitig transparent machen; Randbreite und Grad der Transparenz sind ebenfalls variabel: Weniger Luft, dafür mehr Stabilität. Großer Seufzer. Meine Probleme möchte ich haben …


Da für jedes Foto mit transparentem Rand der entsprechende Code manuell in den dazugehörigen Post eingegeben werden muss (bis ich gerafft habe, wo und wie man das in den Stylesheets automatisiert), ist die ganze Aktion jeweils ein bisschen aufwändig: Foto hochladen und auf dem Blogger-Server speichern, den Link kopieren und im HTML des Posts einsetzen, zuletzt die Seitenränder berechnen, damit nicht alles außer, ehm, Rand und Rand gerät. Aber für hübsch macht man ja fast alles. Jedenfalls bei gutem Wetter …
(Abstandhalter)

Donnerstag, 29. März 2007

ZEITabschnitte (1) - Lindgren und Potter

Ab jetzt weise ich mit den ZEITabschnitten unregelmäßig auf mal mehr, mal weniger lesenwerte Artikel über Kinder- und Jugendliteratur in Deutschlands beliebtestem Briefbeschwerer hin. Dort firmiert selbige Gattung zwar nur als "Kinder- und Jugendbuch", weil die Zielgruppe offenbar keine Literatur liest, weshalb die gesamte Sparte auch erst hinter Belletristik, Lyrik, politischem Buch und Sachbuch angeordnet ist. Aber das tut meiner Freude über das eine oder andere Schmankerl keinen Abbruch.

Hymnische Heerschären

Und ich sag's noch … Susanne Mayer schmeißt sich als Erste vor den rollenden Zug und ehrt Astrid Lindgren mit einer kleinen Hommage, bevor alle anderen es tun. Dass aber klein nicht unbedingt kleckern heißt, wird schon eingangs des Artikels klar gestellt, geht es doch darin um nicht weniger als "die wunderbarste Kinderbuchautorin aller Zeiten, was man jedenfalls für die ersten 6000 Jahre der Schriftkultur behaupten kann." Da wird sich der Oetinger Verlag freuen, wenn nun alle Bildungsbürger, in deren Billy-Regalen bisher eine schwedische Lücke klaffte, diese spätestens jetzt zu schließen versuchen werden.



Frau Mayer beendet ihre (vornehmlich biografisch orientierte) Hymne an die Schwedin mit der Frage "wieso es in der ganzen Welt nur die eine Frau gibt, die so überzeugend für Kinder und zu Kindern spricht." Na ja. Ganz vielleicht liegt's daran, dass Frau Mayer während des Studiums von 6000 Jahren Schriftkultur ein paar andere gute oder gar bessere Kinderbücher als die von la Lindgrén durch die Lappen gegangen sind. Und nein, damit meine ich nicht die meinen.

Besen! Besen! Seid's gewesen …

Die Veröffentlichung des letzten Potter-Bandes naht mit großen Schritten: Am 21. Juli ist es so weit. Weshalb ab jetzt nicht mehr nur in zahllosen Internet-Foren die Spekulationen um den Ausgang der Saga ins Kraut schießen, sondern auch in den großen Feuilletons. Derselbe Herr Jessen, der in einem ganz anderen Artikel wunderbar böse die psychologischen Prämissen der deutschen Verbotsmanie aufgedröselt hat, bedient sich einer angeblichen (im Netz jedenfalls unauffindbaren) Meldung des britischen Daily Star, um das schlimmste aller möglichen Enden für Harry – und damit auch für dessen Leser – herbei zu unken: Den Abstieg des aller magischen Kräfte beraubten Zauberlehrlings ins banale Alltagsleben.



So müßig derlei Mutmaßungen sind, so hübsch nutzt der Herr Jessen dieselben, um uns eine Lektion in Sachen progressiver Universalpoesie zu erteilen. Friedrich Schlegel hat sie dereinst formuliert: Aufgabe der Literatur ist es, die Welt zu romantisieren. Dem habe ich wahlweise sehr viel, besser aber erstmal gar nichts hinzuzufügen, außer vielleicht den Wunsch, dass all jene Schüler und Studenten Herrn Schlegel vertiefend studieren mögen, die uns Autoren immer wieder gern mit der Frage martern, warum es in einigen unserer Bücher so unwahrscheinlich zugehe – ins Deutsche übersetzt also: nicht deutsch genug.

Montag, 26. März 2007

Beschützer der Diebe - Neuauflage

Die Ursachen für das Elend um den derzeitigen Lieferstopp der Taschenbuch-Ausgabe von Beschützer der Diebe begründen sich wie folgt: Carlsen hat dtv, dem derzeitigen Lizenznehmer, den Titel für die hauseigene Taschenbuch-Reihe abgekauft. Die Carlsen-Ausgabe sollte im September 2007 auf den Markt kommen. Bis dahin hat dtv die Option, binnen eines halben Jahres die derzeitigen Lagerbestände des Buches loszuwerden. Abverkaufsfrist nennt sich das, ein in der Regel sinnvolles Instrument, um wirtschaftlichen Schaden (sprich: das Sitzenbleiben auf einem hohen Auflagenrest) zu begrenzen.

Leider gibt es keine Lagerbestände von Beschützer der Diebe. Die sehr gängige Regel, dass bis zum Ende der Abverkaufsfrist immer ein kleiner Auflagenrest übrig bleibt, gilt nun mal nicht für ein Buch, das als Standardlektüre im Deutschunterricht verwendet wird. Genau das ist die Stelle, an der irgendein Rechenschieber bei dtv sehr gründlich daneben gelegen hat. Vielleicht war 's ein Praktikant. Hoffentlich war's nur ein Praktikant. Jeden hierarchisch höher stehenden Entscheidungsträger, der dermaßen versagt hat, würde ich als Verleger nämlich feuern.

Wie geht's nun weiter? Um den Schaden zu begrenzen, wird Carlsen die Auslieferung der neuen Taschenbuch-Ausgabe von September auf Anfang Juli vorziehen. Schneller geht's nicht. Dass es überhaupt geht, stimmt mich fröhlich, aber nur bedingt. Damit ist nämlich keinem Lehrer geholfen, der den Titel aktuell im Unterricht behandeln möchte. Im Juli, wenn er endlich wieder erhältlich sein wird, ist das Schuljahr nämlich rum. Und wie viele Lehrer ein Buch ganz von der Liste streichen, von dem es beim Buchhändler lapidar heißt, dass es nicht mehr aufgelegt wird, will ich gar nicht wissen.




Vermutlich ist es müßig, an dieser Stelle auf die aktuell lieferbare Hardcover-Variante des Buches hinzuweisen. Schüler, die ohne mit der Wimper zu zucken zehn Mal hintereinander für ihren Lieblingssänger bei DSDS anrufen oder sich für einen Fünfer im Fastfood-Laden um die Ecke mit einer Tagesdosis Glutamat eindecken, gucken dich sofort ganz hohlwangig an, wenn sie den Preisunterschied zwischen Taschenbuch und Hardcover berappen sollen. Ein Betrag von drei Euro vierzig, der in etwa den Kosten für das T oder das H auf einem neuen T-Shirt von Tommy Hilfiger entspricht, ist absolut nicht drin. Man muss Prioritäten setzen. Außerdem macht die Politik es vor: Kultur und Bildung kommen immer zum Schluss. Und ihre Kosten werden grundsätzlich vom Taschengeld bestritten.

Donnerstag, 22. März 2007

Schafft mehr Krippenplätze!

Wie schön, dass trotz des für alle Seiten kostspieligen Lapsus meiner Verlage (nach der Leipziger Messe werde ich abschließend darüber berichten) offenbar doch noch einige Schulklassen den Beschützer der Diebe ergattern konnten. Schüler, die mir Fragen zu diesem Buch schicken, erhalten von mir jenen Antwortbogen, der auch unter den Texten im Download enthalten ist. Ganz neue Fragen beantworte ich ergänzend in meiner Antwortmail bzw. dem Antwortbrief.

Unglücklicherweise ist das manchen Lesern nicht genug. Hier folgen die letzten drei von insgesamt neun Mailwechseln mit einer Schülerin (dass sie weiblich ist, entnehme ich jedenfalls ihrer Mailadresse), zu deren Beginn ich noch recht umgänglich war. Ich hatte sogar versucht, der jungen Dame die Grundlagen des Briefschreibens nahe zu bringen. Leider erfolglos, wie man sieht. Und inzwischen war ich ein wenig genervt, wie man ebenfalls sieht. Zuletzt nun das:

hallo
könten sie mir mal bitte eine zuammen fassung von kapitel 1-16 schicken????
weil ich weiß nicht ob die zusammenfassung richtig ist!!!!!!!
unsere lehrerin hat gesagt wir solten mal sie ein e-mail schreiben!!!!
und das muss ich machen für alle
also bekommne ich die zusammenfassung von kapitel 1-16?????
wir die klasse brauchen die!!!!
bitte es währe ganz nett

Hallo,
erstens weiß ich nicht, um welches Buch es sich handelt. Das würde allerdings auch keinen Unterschied machen, denn zweitens:
Frag mal eure Lehrerin, seit wann Autoren die Hausaufgaben von Schülern erledigen beziehungsweise kontrollieren, ob die Schüler sie richtig gemacht haben. Solche Anfragen sind einfach lächerlich und garantiert nicht im Sinne eurer Lehrerin. Und auf Mails mit solchen Anfragen werde ich zukünftig nicht mehr antworten.
Andreas Steinhöfel

doch das hat sie gesagt
vom buch beschützer der diebe

Wenn sie das gesagt hat, bestell ihr bitte einen schönen Gruß von mir und richte ihr folgendes aus: Es ist völlig okay, wenn ihr mir zu Beschützer der Diebe Fragen stellt. Es ist aber absolut nicht okay, wenn ich für euch eine Zusammenfassung schreiben soll. Oder wenn ich eure Zusammenfassungen überprüfen soll. Ersteres ist euer Job, letzteres der eurer Lehrerin. Und damit betrachte ich diese Debatte endgültig als abgeschlossen.
Andreas Steinhöfel

fick dich du schwuler sack




Ende der Korrespondenz. Hoffe ich zumindest. Manchmal wünsche ich mir, ich wäre William Golding (1911 – 1993), dessen Lord of the Flies immer noch gern im Schulunterricht behandelt wird. Dann hätte ich erstens den Nobelpreis erhalten und wäre zweitens schon so tot, dass mich derartiger Blödsinn nicht mehr in Wallung brächte. Andererseits könnte ich mich dann nicht darüber freuen, dass ich endlich die HTML-Nuss mit der dritten Sidebox geknackt habe. Was ich hiermit stolz vermelde, ohne dazu meine regelmäßigen Leser mit einem extra Update zu nerven.
weiß

Dienstag, 20. März 2007

... noch ein paar Steinchen

Die rechte Sidebar ist jetzt ein wenig aufgeräumter. Nervt mich nach wie vor, dass ich es einfach nicht schaffe, eine zusätzliche Box unterzubringen. Jeder diebsezügliche Versuch endet mit komplett zerschossenen Stylesheets. Wenigstens ist es mir nach einigem Herumgepfriemel gelungen, Dropcaps ins HTML einzufügen. Jeder Post beginnt also jetzt mit einem hübschen fetten Buchstaben. Größen- und Farbvorschläge werden dankbar entgegen genommen.

Und das war's auch schon für heute. Jetzt duschen, anschließend einkaufen, dann ran an die Rührschüssel. Gianni hat morgen Geburtstag, da kann ich unmöglich ohne selbst gebackenen Kuchen auftauchen. Mein Ex hat heute noch ein Trauma, weil ich (lang ist's her) ihm zu seinem ersten mit mir verbrachten Geburtstag eine Dr. Oetker-Backmischung schenkte. In der Packung ...

Sonntag, 18. März 2007

Lissabon

Am 14. November dieses Jahres würde Astrid Lindgren ihren 100. Geburtstag feiern. Pippi, Kalle und Ronja, die Kinder aus Bullerbü und Saltkrokan werden also einmal mehr Hochkonjunktur haben. Es wird Festschriften hageln, Jubiläumsbände werden den Markt überschwemmen, und wir älteren Leser sollten spätestens diesen Trubel zum Anlass nehmen, erneut das eine oder andere jener liebenswerten Bücher aufzuschlagen, deren kindliche Helden mit entwaffnendem Humor die Welt der Erwachsenen ad absurdum führen. Lohnen würde sich das allemal. Astrid Lindgrens Humor funktioniert, das ist Teil seiner zeitlosen Qualität, auf Große entschieden anders als auf Kleine, nämlich doppelbödiger und damit mindesten doppelt so amüsant.


Bis heute gibt es vermutlich kaum ein lesendes Kind, das nicht mit der einen oder anderen Lindgren-Figur vertraut ist. Aber keine dieser Figuren hat einen dermaßen archetypischen Status erreicht wie Pippi Langstrumpf. Die rot bezopfte Villenbesitzerin hat längst Eingang ins kollektive kulturelle Unterbewusstsein gefunden – wozu sie auch ausgiebig Zeit hatte: Viele Leser zeigen sich erstaunt, wenn sie erfahren, dass Pippi bereits 1945 das Licht der Welt erblickte, ein Mädchen, von dem Astrid Lindgren ihrer erkrankten Tochter erzählte und dessen außerordentliche Abenteuer sie schließlich niederschrieb.

Selber erblickte ich Pippi 1969 zunächst nur auf der großen Leinwand, im ersten von vier Spielfilmen (die auf lediglich drei Büchern basierten). Und näher ließ ich sie nachfolgend auch nicht an mich herankommen. Diese Göre machte mir Angst. Im Kino konnte ich sie auf angemessener Distanz halten, aber in den Büchern, die ich anschließend zu lesen versuchte, kam sie mir zu nahe. Ich hielt eine Art instinktiven Sicherheitsabstand zu ihr ein. Wäre ich gefragt worden, warum, hätte ich vermutlich erwidert, dass ich ihre großen Zähne nicht mochte. Zuletzt vergaß ich sie, aber hin und wieder, wenn ich in späteren Jahren in einer Buchhandlung oder in der Videothek herumstöberte, war sie plötzlich wieder präsent, irgendwo im selben Augenwinkel, aus dem heraus man bei nächtlichen Spaziergängen hinter dunklen Büschen plötzlich Rotkäppchens Wolf zu entdecken glaubt.

Dann, vor einiger Zeit, sah ich Inger Nilsson in einer Talkshow. Diese Frau, die ein Leben lang im übergroßen Schatten des von ihr verkörperten sommersprossigen Mädchens stand, war beeindruckend ruhig und abgeklärt. Am nächsten Tag begann ich eine Kurzgeschichte zu verfassen, die noch heute zu meinen hauseigenen Favoriten zählt. Inger rettet dem Erzähler dieser Geschichte ein bisschen das zukünftige Leben. Als er merkt, dass er sie liebt, ist sie längst wieder verschwunden, ein melancholisches Mischwesen, hervorgegangen aus der bärenstarken Pippi und jener inzwischen erwachsenen, sensiblen Schauspielerin, die mir so unendlich leid getan hatte, weil es sich in ewigen Schatten nun mal einfach nicht schön und gut lebt.

Als ich vergangenes Jahr gefragt wurde, ob ich einen kleinen Artikel zum Lindgren-Jubiläum verfassen wolle, verdankte ich diese Ehre vermutlich jener Kurzgeschichte. Ich lehnte dankend ab. Mir fiel keine wirklich passende Antwort auf die Frage ein, ob irgendeine Lindgren-Figur mein Leben beeinflusst hatte, sei es nachhaltig oder flüchtig. Eine unpassende hingegen schon. Doch eine nähere Erläuterung dieses sich mir urplötzlich aufdrängenden, geradezu epiphanischen Geistesblitzes erschien mir weder als passend noch als sonderlich reizvoll für kindliche Leser. Aber ich trug ihn einer Bekannten vor, gepaart mit der vagen Aussicht, ihn irgendwann niederzuschreiben. Und eben jene Bekannte schrieb mich gestern an und fragte, wie es denn um den Pippi-Text steht. 


So here goes: Pippi war ein Monster. Ihr Anarchismus trieb mir den kalten Angstschweiß auf die Stirn, weil jeglicher kindliche Versuch meinerseits, mich anarchisch zu geben, von meinem Vater gnadenlos niedergeknüppelt wurde. Nicht mal Pippis übermenschliche Stärke wünschte ich mir, denn das war genau die Art Stärke, mit der man auch einen Knüppel schwingt. Pippi eckte an und lachte dabei auch noch, aber ich wollte ein kantenloses Leben. Das einzige, worum ich sie heftig beneidete – was ja auch kein allzu positives Gefühl ist – war ihr abwesender Vater und der Haufen Kohle, den sie besaß.
Annika war ihr genaues Gegenteil, eine spießige Langweilerin, die vermutlich heute noch Tischdeckchen häkeln oder Servietten falten würde, bis die Gicht sie niederstreckt, wenn die Efraimstochter sich ihrer nicht angenommen hätte. Außerdem war Annika dumm, wenn auch nicht zu dumm, um Kleiner Onkel zu reiten. (In einem hübschen Interview mit Pär Sundberg und Maria Persson, die in den Filmen Tommi und Annika verkörperten, erklären die beiden übrigens, der arme Gaul sei ständig gedopt gewesen, ganz anders als der hibbelige Affe Herrn Nilsson, den man den Kindern auf den Schultern ankettete, weshalb er ihnen gern an den Haaren herumzerrte oder sie aus Protest bepinkelte.)


Zwei Mädchen also, die eine zum Fürchten stark, aufwieglerisch und mit Zähnen gesegnet, auf die ihr Pferd so neidisch war, dass es Flecken kriegte. Die andere eine Schleimerin vor dem Herrn, die dich bei Klassenarbeiten höchstens gegen Bestechung abschreiben lassen würde, nur um dich anschließend brühwarm, aber mit einem kalten Lächeln an den Lehrer zu verpfeifen. Angesichts einer solchen Auswahl an weiblichen Rollenvorbildern blieb einem kleinen Jungen kaum etwas anders übrig, als sich in den keinem Abenteuer abgeneigten Tommi zu verknallen. Und genau das tat ich. Es war eine schmerzlose Liebe, denn ich war klein und mir ihrer nicht wirklich bewusst, und sie hielt nicht lange an.

Heute bin ich Frau Lindgren dafür dankbar, dass ihre Pippi versucht hat, einem Blinden die Augen zu öffnen. Meine lesbischen Freundinnen werden nicht müde zu beteuern, welch großartiges Rollenvorbild sie in Pippi hatten. Und manchmal liege ich abends wach und frage und frage: Wie in aller Welt hätte ich mich wohl entwickelt, wenn ich mich weniger auf Pippis Stärke als auf ihren die ganze Welt in Frage stellenden Witz konzentriert hätte?

Samstag, 17. März 2007

Beschützer der Auflagen

Ach, die Ärgernisse – sie hören nimmer auf. Da komme ich just aus Hamburg zurück, wo ich mir beim Verlag das neue Taschenbuch-Cover für Beschützer der Diebe ansehen konnte. Es wurde von Regina Kehn gezaubert, die ab jetzt für alle Titel meiner Backlist verantwortlich zeichnet, und es ist ganz wunderbar geworden.




Jetzt fehlt nur noch das passende Buch dazu. Zurück in Berlin erwartete mich nämlich die empörte Mail einer Lehrerin (sowie die Nachricht einer Buchhändlerin auf dem Anrufbeantworter), der Beschützer der Diebe sei in der Taschenbuch-Ausgabe nicht mehr lieferbar und werde auch nicht nachgedruckt. Das kam mir insofern merkwürdig vor, als der Titel, der vielerorts als Lektüre im Deutschunterricht behandelt wird, ungebrochen sehr gut läuft.

Hektisches Telefonat mit Carlsen. Ich ahnte schon um die Ursache für dieses Elend. Und tatsächlich stellt es sich konkret so dar: Beschützer der Diebe wurde bisher jahrelang (als Taschenbuch) bei dtv in München verlegt. Inzwischen hat Carlsen die Rechte zurück erworben, ab September 2007 wird der Titel also in meinem Hamburger Stammverlag erscheinen. Offenbar hat dtv schlecht kalkuliert und es versäumt, eine weitere Auflage drucken zu lassen, um den Titel bis September lieferbar zu halten. Die unschönere, aber nicht wirklich paranoide Variante wäre, dass es ihnen scheißegal ist.




Da Carlsen momentan hochtourig an einer Lösung für das Problem arbeitet, warte ich bis nächste Woche, bevor ich mich hier weiter ereifere und meinem Ärger richtig Luft mache. Bis dahin wünsche ich den Verantwortlichen in München ein ebenso entspanntes Wochenende, wie ich es gerade auf Grund ihrer verlegerischen Weitsicht genieße.

Montag, 12. März 2007

Aus der Werkstatt

Die endgültige Fassung meines Drehbuchs für Löwenzahn (es ist nur eines; nächstes Jahr werden es wohl zwei) wird Ende des Monats fällig. Erfreulicherweise halten sich die Änderungswünsche der Redaktion in sehr grünen Grenzen. Ich kann nur wiederholen, dass ich großes Vergnügen bei dieser Arbeit habe. Sie kommt zwar meinem Wunsch, irgendwann mal ein schönes Sachbuch zu verfassen nur extrem begrenzt entgegen, sorgt aber immerhin dafür, dass er nicht in Vergessenheit gerät. Das Treatment für den Vierteiler im WDR ist inzwischen ebenfalls abgeliefert, und ich darf immer noch nix über das Thema erzählen. Der Hauptteil der Arbeit wird jedoch erst im Frühjahr und Sommer anfallen, weil die Dreharbeiten sich über mehrere Monate hinziehen bzw. verteilen und ich vor Ort in den ganzen Rummel eingebunden sein werde.




Das neue Büchlein für Carlsen wird; es wächst langsam, aber stetig. Mit etwas Glück bin ich Ende April damit durch, oder muss damit durch sei, da dann nicht nur die oben erwähnten Dreharbeiten richtig losgehen, sondern auch zwei jeweils einwöchige Lesereisen anstehen. Die Termine für öffentliche Lesungen werde ich übrigens demnächst hier posten, doch das werden nur sehr, sehr wenige sein, da (wie beinahe immer) die meisten Veranstaltungen in Schulen stattfinden und damit unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Was noch? Es gab ein paar todschicke Übersetzungsanfragen, aber ich hab einfach keine Zeit – ärgerlich. Und morgen früh zische ich ab nach Hamburg, das Hörbuch für Paul Vier und die Schröders einlesen. Nachdem es nur ein paar Jahre gedauert hat, bis mein Verlag sich mit sich selbst auf einen Verlag einigen konnte, werden nun nach und nach alle gängigen Tüten eingetitelt … beziehungsweise andersrum.



Zuletzt noch ein Hinweis auf die Leipziger Buchmesse: Da werde ich dieses Jahr ausnahmsweise nicht vorlesen, sondern nur als Gast herum spazieren, Kollegen und Freunde treffen und gucken, wo ich ein paar Häppchen abgreifen kann, am besten inklusive Sekt zum Runterspülen. Ich liebe Häppchen. Ich lasse mich korrumpieren mit Häppchen. Irgendwann werde ich noch mal unmoralisch wegen Häppchen …

Mittwoch, 7. März 2007

Hin und weg

Das erste Sachbuch, das mich jemals in seinen Bann zog (und nie wirklich wieder losgelassen hat) war C. W. Cerams Archäologie-Roman Götter, Gräber und Gelehrte. Ich entdeckte es als Dötzeken im elterlichen Bücherschrank, unmittelbar neben Gustav Schwabs Sagen des klassischen Altertums, in die ich mich ebenfalls lebenslänglich verliebte (so sehr, dass ich schließlich – als Erwachsener – einigen ihrer antiken göttlichen Protagonisten in Die Mitte der Welt modernes Leben einzuhauchen versuchte).

Beide Bücher, die Götter wie die Sagen, gehen den Geheimnissen der Welt und unseres Seins ziemlich charmant an die Wäsche, das eine unter historischen, das andere unter mythologischen Prämissen, beide nie langweilig, jedes auf seine Weise mustergültig. Und beide lenkten meine Interessen in bestimmte, sich glücklich ergänzende Richtungen: Von Cerams Berichten um verschüttete Kulturen und Zivilisationen war es kein weiter Weg zu den Reisen der großen Weltumsegler und Entdecker ... wobei das Dötzeken all diese Geschichten immer dann am besten fand, wenn heldenhaften Männer darin unter möglichst blutrünstigen oder anders erschreckenden Umständen für ihre Ideale draufgingen: James Cook wurde von Eingeborenen auf Hawaii niedergemetzelt, Magellan auf den Philippinen, und Robert F. Scott gefror zum Eisklotz, nachdem er nur einen tragischen knappen Monat nach seinem Konkurrenten Amundsen endlich den geographischen Südpol erreicht hatte.


Andere Weltfahrten waren mythologischer Natur (und damit per se auch nicht wirklich jugendfrei). Schwabs Sagen des klassischen Altertums faszinierten mich vor allem mit ihren Göttergeschichten; dennoch waren sie nur die Hälfte wert ohne die Irrfahrten eines Odysseus oder eines Jason, die ich viele Jahre später in den Mythenforschungen eines Joseph Campbell genauso untersucht fand wie in der Archetypenlehre eines C. G. Jung. Und wenn ich mich noch viel später in irgendeiner emotional verfinsterten Stunde fragte, warum und wofür ich mir den ganzen Krempel überhaupt je angelesen hatte, suchte ich mein Heil eben bei Goethes Faust.

So, und nach dieser kleinen Einführung komme ich zum eigentlichen Beweggrund für den heutigen Blog-Eintrag: Am vergangenen Wochenende verlustierte ich mich mit zwanzig Leuten meines Abi-Jahrgangs in Dresden, hatte aber nach einer ausufernden Stadtrundfahrt keine Lust, mir mit den anderen auch noch die zusammengerafften barocken Reichtümer Augusts des Starken in den Grünen Gewölben anzusehen, weshalb ich lieber die dort residierende Buchhandlung heimsuchte. Und da lag er, dieser dicke, fette Foliant mit dem harmlos-schlichten Titel Reiseberichte. Im Nachhinein – inzwischen habe ich mich kundig gemacht – kann ich mal wieder nur den Kopf schütteln über meine sozusagen weltläufige Ignoranz, denn das Buch wurde letztes Jahr ob seines Erscheinens rauf und runter durch die Presse gepeitscht; nur an mir ging der Rummel spurlos vorbei.


Travelogues, so der Originaltitel des kleinen Wunders, ist eine Wortschöpfung des umtriebigen Amerikaners Burton Holmes, der zwischen 1892 und 1952 unzählige Male den Globus bereiste, um seine unterwegs aufgenommenen Fotos (insgesamt über 30.000, später ergänzt durch Dutzende Dokumentarfilme), anschließend in allen großen amerikanischen Städten – insgesamt vor einem Millionenpublikum – zu zeigen. Holmes war der Pionier der heutigen Diaschauen auf Großbildleinwänden, ein ebenso höflicher wie exzentrischer kleiner Mann, der am liebsten in Kimonos durch die Gegend rannte und dessen einzige Leidenschaft es war, alle Wunder dieser Welt zu sehen: "Die einzigen Dinge, die mir gehören, die immer noch das wert sind, was sie gekostet haben, sind meine Reiseerinnerungen, die geistigen Bilder von Orten, die ich über ein halbes Jahrhundert lang gehortet habe wie ein glücklicher Geizhals."


Und es sind diese Bilder, die – man verzeihe mir den Pathos – förmlich den Atem raubten, als ich die Reiseberichte aufschlug: Von Hand (mit einhaarigen Hermelinpinseln!) nachkolorierte Schwarzweißaufnahmen, deren Inhalte und Farben auf geradezu unheimliche Art und Weise den nie wirklich fassbaren Inhalten und Farben der Imagination des Dötzekens entsprechen, wenn es mit Cook im Pazifik und mit Amundsen am Südpol unterwegs war, mit Schliemann in Troja und mit Carter in Ägypten. Oder, knapper ausgedrückt: Da hat jemand mit Licht und Farben meine Träume gemalt, lange bevor ich auf der Welt war, und ich bin erst jetzt darauf gestoßen!

Es gibt da diese zwei gleichermaßen schrecklichen Vorstellungen von meinem eigenen Ableben: In der ersten liege ich kurz vor Tot auf dem Lager, und mein allerletzter klare Gedanke ist: Oh, jetzt gerade, in diesem Moment, habe ich alles verstanden! Die zweite ist kaum besser: Da tritt irgendwer an mein Sterbelager, hält mir ein Buch hin und sagt: Ich fress dir jetzt nicht nur die letzte Schokolade weg, sondern ich hab dir auch was mitgebracht – guck mal: Das hier wäre dein Lieblingsbuch gewesen, aber du hast es nie gekannt, nie gelesen, dein Leben war so viel ärmer ohne dieses eine, dieses großartige Buch!


Es ist ein sehr beruhigendes Gefühl, dieser Pappnase nun mit verlöschender, aber einigermaßen sicherer Stimme entgegnen zu können: Pack die Schokolade ein und verzisch dich, du Penner!